Bildschirmfoto 2015-04-07 um 15.04.44Open Street Art – hinter diesem Namen steht ein Projekt, das zwischen Oktober 2014 und März 2015 im Rahmen des „Data Science“-Seminars an der TU Berlin entwickelt wurde. Open Street Art soll Aufmerksamkeit schaffen für die Vielfalt der Formen, durch die öffentliche Räume gesehen und mit denen sie gestaltet werden.

Das Projekt versucht im Anschluss an das Seminar auf seine Weise, in offenen Datensätzen aufgehobenes Wissen öffentlich verfügbar zu machen. Open Street Art versteht unter Daten mehr als Informationen für effizientes Organisieren oder zum Lösen praktischer Probleme. Entgegen der vielfach bemerkten Tendenz moderner Organisationen, Komplexität zu reduzieren, indem soziale Phänomene und Prozesse in Zahlenwerte übersetzt werden und vice versa, versucht Open Street Art zuallererst, Komplexität zu generieren: Es stellt die Basis für ein Bild-Archiv her, in dem Straßenkunst aus der Perspektive der Betrachter, über räumliche Grenzen und den Zeitverlauf hinweg, versammelt und vielfältig sichtbar werden kann.

Möglich wurde das Projekt durch den regelmäßigen Austausch und die Zusammenarbeit von InformatikerInnen und SoziologInnen im Rahmen des Seminars, “Regieren durch Daten. Hacking Society!?“. Aus Diskussionen zur Praxis der großflächigen Datenerhebung und -analyse haben wir den Anstoß gewonnen, selbst zu Sammlern zu werden, und zwar von Straßen-Bildern, also von Daten, die sich der zweckgebundenen Auswertung weitestgehend entziehen.

Unser Ansatz hat sich im Seminarverlauf langsam entwickelt; immer wieder ist unser Konzept durch Fortschritte oder Schwierigkeiten in der Umsetzung irritiert, abgewandelt und angepasst worden. Triebkraft für diese Evolution waren die unterschiedlichen Talente und Interessen der Teammitglieder, die sich im Verlauf des Semesters herauskristallisiert und in den unterschiedlichsten Komponenten des Projekts verwirklicht haben.

Neben der Entwicklung im Seminar haben wir versucht, Kontakt mit Personen aufzunehmen, die sich mit Straßenkunst leidenschaftlich oder beruflich beschäftigen und von denen wir mehr über die Szene und ihre Regelmäßigkeiten in Erfahrung bringen konnten, etwa Shop-BesitzerInnen und BloggerInnen. Wir hoffen auch, dass sie uns dabei helfen, das Projekt bekannt zu machen. Darüber hinaus versuchen wir mit Open Street Art, KünstlerInnen und AnwohnerInnen anzusprechen und dazu aufzufordern, ihre bzw. Werke in ihrer Nachbarschaft festzuhalten und anderen zu zeigen. So soll ein Gesamtbild von Berliner Nachbarschaften entstehen, in all ihren Ähnlichkeiten und Unterschieden, zusammengesetzt aus Ansichten, die BürgerInnen darin für wichtig und charakteristisch empfinden.

Realisiert wird das über eine Webseite, auf der hochgeladene Bilder von Straßenkunst nebeneinander auf einer Karte angezeigt werden und das gleichzeitig als Kontakt- und Informationsportal für Interessierte dient. Ohne Beteiligung ist die Seite aber nur ein Gerüst. Deshalb wollen wir BürgerInnen mithilfe von Flugblättern und Aufklebern mit unterschiedlichen Ansprachen, für Alte und Junge, Konservative und Fortschrittliche usw. für die Teilhabe gewinnen.

Am Ende soll Open Street Art sich dadurch auszeichnen, dass es Seherfahrungen aus verschiedenen Gegenden Berlins zusammenbringt, die alle eine Facette von Straßenkunst bergen, sei es nun in Form von Schriftzügen, Gemälden, Schablonen, Aufklebern oder Ähnlichem. Um der Flüchtigkeit dieser Formen gerecht zu werden, sollen mehrere Ansichten eines Ortes zu unterschiedlichen Zeitpunkten übereinander gelegt werden können.

Eine erste Version dieser Webseite ist online. Unter openstreetart.bplaced.net stehen Interessierten bereits einige Bilder in Gallerien sowie auf einer Karte angeordnet zur Verfügung, das Upload-Formular funktioniert auch schon. Darüber hinaus sind hier Hintergründe, weiterführende Überlegungen, Ziele, kritische Fragen und Zukunftsentwürfe nachzulesen und warten auf Kommentare und Kritik.

Open Street Art verwendet Daten, die offen sind, und zwar in einem dreifachen Sinne: Erstens wächst der Datensatz, das Bild-Archiv, mit der Beteiligung der BürgerInnen stetig weiter. Es ist, anders gesagt, relativ Inputoffen, mit geringen Beteiligungshürden (keine Anmeldung erforderlich, angepasst auf Smartphone-Benutzung) und durch möglichst wenige ethische und ästhetische Kriterien gefiltert.

Zweitens sind die verwendeten Daten offen für Interpretationen: weder ist durch die Plattform festgelegt, welchen Standpunkt bezüglich Straßenkunst die Teilnehmerinnen vertreten, noch müssen die hochgeladenen Bilder eindeutig als Positionierungen für oder gegen die Interpretation des Bildes als Kunst verstehbar sein.

Drittens sind die gesammelten Bild-Daten zur Verwendung auf der Webseite sowie zum Download frei. Die in den Bilddateien gespeicherten Meta-Daten über Aufnahmezeitpunkt, Kamera-Fabrikat und Aufnahmeort sind damit ebenso zugänglich und bieten Gelegenheit für Analysen und Auswertungen durch Dritte. Darin unterscheidet sich Open Street Art nicht von anderen Bild-Archiven im Netz, bietet in unseren Augen aber den Mehrwert einer kritischen Intervention mit spezifischer Ausrichtung.

Open Street Art ist provisorisch eingerichtet und entsprechend eine Beta-Version: Die Webseite basiert auf dem WordPress-Blog-Format und erfüllt alle wichtigen Funktionen mit nur wenigen Plugins. Zukünftige Bemühungen sollten das Konzept in eine Webseite mit eigener Domain übertragen und derzeit unmögliche Features umsetzen, wie etwa eine Navigationsfunktion oder einen Zeitstrahl (mehr dazu hier).

Das Projekt verdient in unseren Augen weitergehende Pflege, allein schon, weil die Selektion und Autorisierung der hochgeladenen Bilder nicht maschinell erfolgen kann. Weiterhin kann eine breitere Offline-Kampagne, wie oben skizziert, anvisiert, und eventuell eine schlankere Version des Konzepts erarbeitet werden, das eine Kernkomponente isoliert, um sie deutlicher herauszuarbeiten und funktional und ästhetisch zu verfeinern. Hilfe dafür erhoffen wir uns aus dem OK Lab der Open Knowledge Foundation Deutschland, dem das Projekt schon viel verdankt, und natürlich von der Ini :)

Die Arbeit daran hat sich für uns jedenfalls gelohnt: die gemeinsame Beschäftigung hat viel Spaß gemacht. Wir sind stolz auf das Ergebnis und hoffen, dass andere ebenfalls etwas schönes darin finden werden.

Von Xin Guang Dong, Frederic Lenz und Steven Winter

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