Wir wissen, dass wir nichts wissen.

Was wir wissen, wissen wir durch Medien.

originally posted by naturalismus

Neue Plattformen, welche als Hypermedien verschiedene Medienformen miteinander in Beziehung setzen und verknüpfen (umgangssprachlich “Soziale Medien” genannt) tauchen seit der digitalen Wende in immer schnellerem Takt – heute beinahe täglich auf. Hin und wieder gibt es vorherrschende Plattformen, die Millionen von Menschen vereinen und teilweise marktdominierend auftreten.

Aber da keine Ordnung gottgegeben ist und “Alles Ständische und Stehende verdampft”^1, kann es mit eben jener Dominanz schnell vorbei sein. Myspace hat uns dies gelehrt und die Frage wird sein, wie lange Facebook noch dermaßen obenauf schwimmt. Am Princeton College haben Epidemologen herausfinden wollen, dass facebook im Jahr 2017 80% der Nutzer_innen verloren haben wird. Sie wandten Muster der Seuchenverbreitung auf die “Infizierung” mit facebook an. Nun gut, es gibt die selbsterfüllende Prophezeiung – und es gibt handfeste Gründe für diese Form der Social-Media-Heilung.

Das digitale Wonderland voller Regenbogeneinhorn-Gifs, voller Freaks und Althippies, welche bis Mitte der Neunziger an eine bessere Welt glaubten, wird wurde mehr und mehr zum kommerziellen Rummel globaler Player. Wir alle sind mittendrin und unsere Beziehungen und unsere Interaktionen sind schon lange zu den Waren geworden, welche die Firmen erst haben aufsteigen lassen.

Doch diese Kommodifizierung schlägt nun zurück. Die Vorteile facebooks bei der einfachen Kontaktaufnahme über Kontinente hinweg werden von den komplizierten wie unbequemen Sortieralgorithmen und der ständigen Präsenz von Werbung aufgefressen, die Plattform von einem Kommunikationserleichterer mehr und mehr zu einem Zeitfresser. Die Rückbesinnung und das Bewusstsein sind vorhanden, nicht erst seit Snowden wollen die Leute die Daten lieber für sich behalten.

Mangelhafte Alternativen statt dem Mangel an Alternativen

Die Ansprüche sind also mal wieder groß. Wie soll das “nächste” soziale Netzwerk aussehen? Werbefrei soll es sein, einfach zu bedienen, die Daten sollen nicht verkauft werden dürfen – und schön designt mit praktischen neuen Funktionen, wenn es geht. Diese Richtlinien hat sich zumindest ello in seinem Manifesto gegeben. Das hört sich im Vergleich zu facebook schon ganz gut an, doch hört es hier nicht auf. Freiheitsenthusiasten wünschen sich zudem, dass keine Firma dahintersteht, der Quellcode offen sein soll und die Daten nicht auf einem zentralen Server (noch dazu in den USA), sondern verschlüsselt und über die Nutzenden verteilt (“federated”) gespeichert werden sollen. Technisch ist dies alles möglich, die Frage ist an der Stelle nur, wie leicht die Ottonormalsurferin sich in so einem federated Network zurechtfinden wird – und will. Bis es soweit ist und diese Vorstellungen in den Mainstream durchgesickert sind, bietet ello eine schöne Übergangslösung, denn:

Die Regenbogeneinhorngifs sind zurück.

ello ist sympathisch, weil die Plattform mit uns zusammen wächst. Bis vor einer Woche gab es noch keine Kommentarfunktion. Retweeten ist nicht möglich, einen Like-Button gibt es nicht. Aber ello scheint auch selber groß zu werden, die Geschichte des Internets in sich aufzunehmen und peu à peu an die neugierigen Nutzer auszuspucken. Dieses Konzept, das vielleicht gar nicht beabsichtigt, sondern eher der aufwendigen Programmierung im kleinen Team bei laufendem Betrieb geschuldet ist, erfüllt ein Bedürfnis der Massen. Das Bedürfnis nach Verspieltheit und dem Charme des Unperfekten. Viel Funktionalität gibt es noch nicht, aber das was es gibt funktioniert zu meist und lässt das Potenzial dahinter erahnen. Eine Seite, die sich anhört wie “hello” mit französichem Akzent kann nur gut sein. ello ist charmant – und unperfekt. Es ist quasi das Berlin unter den sozialen Netzwerken.

Es ist ruhig auf ello. Hier und da zieht mal ein psychedelisches Gif vorbei, ab und an freut sich eins über Brote (), hie und da werden Links gestreut, zaghaft wird kommentiert, alles ist noch recht selbstreferenziell. Es fühlt sich an wie ein Spaziergang an einem vollmondbehangenem Pazifikstrand, keiner da, hin und wieder ist eine Sternschnuppe zu sehen.

Doch wie vor Berlin wird die Gentrifizierung auch vor ello nicht haltmachen. Die Regenbogengifs werden schon bald eingebetteten Youtubevideos weichen, die sich gerade erst herausbildende Kommunikationskultur wird durch den irgendwann obligatorisch folgenden “Love”-Button wieder auf simple Zahlenheischerei eingedampft werden. Die Massen werden kommen und mit ihnen die hässlichen Seiten des Strandspaziergangs, digitale Übervölkerung und -umweltverschmutzung (“Noise”).

Nein, eigentlich sollten wir nicht über ello reden. Es gibt schließlich genug Plattformen für alle – und facebook ist ja eigentlich auch ganz prima…

^1 Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, 1848

2 thoughts on “von facebook, ello und Regenbogeneinhörnern

  1. Eine subjektive Sammlung von Federated Social Networks haben wir auf [dem OuiShare Discourse](http://discourse.ouishare.net/t/poll-evaluation-of-already-existing-federated-social-networks/19) gestartet.

    Erwähnenswert sind Diaspora und pump.io als funktionierende Netzwerke mit bekannten und aufgeräumten Oberflächen. Known springt gerade mit seiner beta in eine ähnliche Bresche, verfolgt aber den #IndieWeb Ansatz POSSE = Publish (on your) Own Site, Syndicate Elsewhere und bereitet die Pfade für Interoperabilität und Portabilität.

    Leider sprechen die verschiedenen föderierten Netze noch nicht wirklich mit einander, weshalb sich das World Wide Web Consortium dieser Frage angenommen hat¹.

    ¹ http://www.w3.org/Social/ + http://lists.w3.org/Archives/Public/public-socialweb/2014Sep/0048.html

  2. Danke für den Hinweis.

    Es gibt ja schon entsprechende Plattformen!
    Warum setzten die sich nicht durch?
    Ist es möglich unsere Facebook Daten auf die alternativen Plattformen zu importieren?

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