Alright. Yo.

Eine kurze Geschichte der digitalen Kommunikation. Digital heißt hier diskret, spezifisch, abgeschnitten, verortbar, entkoppelt. Eins oder null.

Rauch oder nicht Rauch. Ein Rauch, zwei Rauch, drei Rauch, vier Lichtreflexe im Spiegel, fünf Brieftauben, huntertachtundzwanzig eMails. Wann immer Informationenen über Seh-, Fühl- oder Hörweite hinweg transportiert werden wollten, musste zunächst das umfassende Band der Wirklichkeit abgeschnitten werden, das zu Vermittelnde von der Nabelschnur der Realität getrennt und verkürzt, in Zeichen gegossen, in eine Nachricht eingedampft und womöglich noch kodifiziert und übersetzt werden, bevor der Weg überhaupt angetreten werden konnte. Schriftlichkeit und schließlich das Papier als Immutable Mobile vereinfachten den Realitätsumzug deutlich, nun hing es einzig von der verwendeten Übertragungstechnik ab, wie dicht die Informationen sein konnten, die auf Reisen gingen.

Im Zuge der Computerisierung scheinen auch diese Barrieren mehr oder minder vollends zu fallen. Videotelefonie ist keine Science-Fiction mehr, Videokonferenzen auf Tablets oder Smartphones gehören zum Alltag unserer Kommunikationsgesellschaft, virtuell scheinen wir das Teleporten schon zu beherrschen. Die volle sensorische Fülle eines Besuches in Budapest hingegen kann durch den Videoanruf dorthin nicht ersetzt werden – aber wer sagt eigentlich, dass die verkümmerten menschlichen Sinne als Maßtab zur Realitätsbemessung dienen? Wären dann nicht auch Blinde oder Taube weniger real?

Die ethische Frage allerdings, ob Menschen, deren Existenz ausschließlich virtuell sei, die bspw durch direkte Kopplung des Internets mit dem Hirn als Homeserver keinerlei nicht-technisch-vermittelten Zugang mehr zur Welt besäßen, gleichwertige Mitglieder unserer (oder einer anderen?) Gesellschaft sein könnten – oder ob deren Empfinden in einer hyperrealen Wendung nicht gar unlängs näher am eigentlichen Wesen der Welt läge – soll hier nicht erörtert werden.

Was hier hingegen wichtig ist, ist das Pendeln zwischen Reduktion und Erweiterung, das Oszillieren zwischen Abschneiden und Hinzufügen. Wann immer ein Stück Wirklichkeit (Gedanken seien hier ebenfalls als real betrachtet) an einen anderen Ort gebracht werden will, muss es zwangsläufig auf ein noch kleineres Stück heruntergebrochen werden. Worte helfen Assoziationen und Erinnerungen zu wecken, doch der Vorrang des Echten exisitert nach wie vor unbestreitbar. Diese notwendige Verkleinerung der Wirklichkeit erscheint zunächst hoch problematisch, muss dabei doch zwangsläufig etwas verloren gehen. Ja, in der Tat, doch der sensorische Gewinn auf der anderen Seite ist ungleich höher: für den Wald macht es durchaus einen Unterschied, wenn sein Geruch, das Rauschen des Windes durch seine Wipfel, die Weichheit seines Bodens und das Gezwitscher, Gesurre und Geknackse seiner Bewohner unter einem einzigen Bild subsummiert werden. Sicher ist es dann sehr schade, nicht in dem Wald zu sein, aber für die das Bild betrachtende Person ist es hingegen ungleich wertvoller ein Bild zu sehen; als gar nichts vom Wald zu erfahren. Somit ist die oftmals kritisierte Reduktion nur eine Seite der Medaille, denn auf der anderen Seite warten millionenfache Realitätsgewinne. Man stelle sich gar vor, es könnten nun Informationen auch endlos vervielfältigt und verbreitet werden – in was für einem Sinnesrausch wir uns befänden!

Somit ist die kritische Diskussion um den Einsatz von ferngesteuerten Drohnen im Krieg eine Scheinheilige, denn auch wir nehmen am Krieg ja nicht direkt teil, sondern konsumieren ihn weit entfernt zuhause vor den Bildschirmen. Warum sollten Soldat_innen also nicht dasselbe Recht haben und ebenfalls zuhause bleiben dürfen?

Die Pendelbewegung zwischen Abschneiden und Hinzufügen war lange Zeit technisch dominiert. Was umsetzbar schien, wurde möglich gemacht, solange es die Bandbreite hergab. Da die Bandbreiten nun langsam gesättigt sind, beginnt ein neuer Prozess. Bewusstes Abschneiden, bewusste Reduktion von Information, zunächst ohne Ziel. Die 160-Zeichen-Grenze bei der sms existiert eigentlich nur noch bei der Abrechnung, moderne Telefone können weitaus längere Kurznachrichten schicken. Twitters 140-Zeichen sind schon eine viel willkürlichere Setzung, vor allem wenn eins bedenkt, dass auch Bilder, Videos oder Hyperlinks angefügt werden können. Auf die Spitze getrieben wird die Reduktion der übermittelten Information allerdings von einer neuen App: Yo!

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Bei Yo! ist genau eine kommunikative Handlung möglich: es kann ein Yo verschickt werden, welches sich als kurzes violettes Aufleuchten manifestiert und anzeigt, von wem es kommt. Nicht mehr und nicht weniger – Yo oder nicht Yo – diese neue Kommunikationsform wirkt auf Anhieb ultradigital, dennoch ist die App in der Lage, das Analoge ins Digitale zurückzuholen. Denn die oft mit Gefühlskälte assoziierten technisch vermittelten Bedeutungszusammenhänge werden hier zu einer unscharfen Diffusheit hin geöffnet. Etwas, das unerklärlich bleiben wird – aber einfach Spaß macht. Wenn pers ein Yo erhält ist es unmöglich zu wissen, wofür es steht, was es bedeutet. Es ist wie ein digitaler Lottogewinn, der nicht abgeholt werden braucht. Yo ist unzweifelhaft eine geniale App, und zwar gerade deswegen, weil sie so gar nichts mit dem Poke von facebook oder Gruscheln von StudiVZ zu tun hat. Der Unterschied liegt in der Anlage: ein Poke oder Gruscheln will eben genau reduziert sein, will sagen: ich denke an dich – und mehr nicht. Beim Yo ist dies vollkommen anders gelagert, es will nicht festgelegt sein, offen sein, kreativ mit Bedeutung gefüllt werden. Und die Suche nach der verlorenen Bedeutung, das Aufklären der Uneindeutigkeit, die unweigerlich Anschlusskommunikation nach sich zieht, macht das Yo! so spannend. Ein Yo kann heißen “ich komme später”, es kann heißen “jetzt bin ich fertig”, es kann heißen “wir warten auf dich”, es kann heißen “das Essen in dem Restaurant, welches du mir empfohlen hast schmeckt verdammt gut” – und bei alledem ist es kinderleicht zu bedienen und beim Benutzen gibt es keine krankhafte Tipperietis wie bei so vielen anderen Messengern – und sagen die so viel aus? Oder bleibt die Information dort nicht oft redundant? Egal, yo ist lila, yo ist unkonventionell, yo öffnet Horizonte. Eine letzte Entwicklung der Kommunikationsmedien, die Yo so erfrischend macht: es wird in Zukunft noch mehr neue Formen geben, deren Nutzungsweisen und Anleitungen nicht mitgeliefert werden. Bauen wir uns unsere eigenen Codes, die digitalen Rauchzeichen geben es her.

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