Im vergangenen viertel Jahr waren unsere wöchentlichen Teamsitzungen des Projektverbundes von einem digitalen Experiment geprägt: Das Kernteam kam in Berlin zusammen, ich war als forschende Peripherie in München anwesend.

Dass Videokonferenzen irgendwie funktionieren, ist ein alter Schuh. WIE aber funktionieren sie und welche Auswirkungen hat diese technisch-medial vermittelte Art der Ko-Präsenz? Aus unserem Selbstversuch nehmen wir einige in der Theorie zwar bekannte, aber sich in der Praxis sich wieder ganz anders erweisende Erkenntnisse mit.

Soziale Kommunikationssituation

Anders als in vielen hierarchiegeprägten Kommunikationssituationen z.B. in Videokonferenzen größerer Unternehmen (dort bekannt als “Führung auf Distanz”) steht bei unseren Teamsitzungen nicht die “Vergabe von Aufgaben” und das Ablegen von Rechenschaft im Vordergrund. Die etwa 2-stündigen Sitzungen sind auch nicht von starren Strukturvorgaben und routinierten Protokollvorgaben dominiert. Sie werden zwar vorbereitet, es gibt eine Tagesordnung und einen groben Ablaufplan, es wird aber flexibel auf die jeweiligen Anforderungen der wöchentlichen Sitzung reagiert. Dieses Vorgehen (das wohl häufig solch freiwillig geprägte Zusammenkünften außerhalb eines bezahlten Arbeitnehmerverhältnisses entspricht) hat nicht nur Auswirkungen auf den Inhalt des Gespräches, sondern vor allem auch auf die soziale Situation und den Kontext: Die nonverbalen Signale sind elementar wichtig für den Erfolg eines Gespräches.

CC BY-NC-ND 2.0 Chris Pirillo

Wenn wir die Face-to-Face-Interaktion unter Anwesenden als Idealsituation eines Gespräches heranziehen, können wir jede andere Tele-Präsente Situation mit den Eigenschaften des direkten Gespräches vergleichen. Ton und Video lassen sich übertragen, klar. Nur erfahren beide Kanäle eine transformation während der medialen Vermittlung, was zu enormem Störpotentialen führen kann:

  1. Audio-Ebene: In Gesprächen hören wir nicht nur gesprochenen Text, sondern nehmen Intonation, Nebengeräusche, Zeitpunkt des Kommunikationsaktes und Richtung des akustischen Signals war. Ist die Verbindung zu langsam und der Ton nur noch asynchron, ist eine dieser Bedingungen schon gestört: eine kleine Verzögerung reicht aus und man fällt sich automatisch ungewollt ins Wort – ein ins-Wort-fallen wird sozial aber in einer Anwesenheitssituation (wenn auch nur unterbewusst) ganz anders gedeutet, als es hier medial vermittelt gemeint ist.
  2. Video-Ebene: Die Video-Ebene hilft nicht nur zur Identifikation der Richtung, aus welcher der Ton kommt (welche Person spricht gerade), sondern auch zur Übermittlung von nonverbalen Signalen wie Mimik, Gestikulation, Off-Topic-Kommunikation und auch zur Einschätzung des Grades der Beteiligung am Gespräch: Wenn jemand nebenher etwas anderes macht, kann ich das durch den Tonkanal nicht wahrnehmen, im Video aber kann diese Einschätzung der sozialen Situation sehr viel expressiver und authentischer sein. Vorausgesetzt natürlich die Videoqualität ist ausreichend und ebenfalls Störungsfrei. Gegenlicht, ein zu kleiner Bildausschnitt oder dunkle Räume beispielsweise sind hier absolute Empathiekiller.
  3. Kontext-Variablen: Ein Gespräch beginnt nicht erst mit dem ersten Tagesordnungspunkt. Unter räumlicher Präsenz wird erst mal “angekommen”, Kaffee gemacht und getrunken, so langsam kommen alle zusammen und DANN erst beginnt das Gespräch. Diese umgebenden Gesprächsvariablen sind wichtig für das richtige Setting des Gespräches und dienen zur Einschätzung der Gefühlslage der anderen Gesprächsteilnehmer. Die Video- und Audioqualität kann noch so hervorragend sein – wenn man beschließt das Gespräch erst zu “Gesprächsbeginn” zu starten, haben Fern-präsente Personen keine Möglichkeit auf diese Kontext-Variablen zuzugreifen. Auch wenn spontan entschlossen wird, “ein wenig später” :-) anzufangen: Der Telekollege muss warten und hat keine Möglichkeit auf die Situation einzuwirken.

Es gibt zahllose Medienwirkungstheorien, welche die Faktoren der einzelnen Ebenen genauer untersuchen und ein schönes Vokabular bieten, um sich präziser damit auseinanderzusetzen.

Software

Skype scheint als Videokonferenztool seit dem Kauf durch Microsoft zunehmend von der Bildfläche zu verschwinden. Es ist derzeit nicht mehr ohne Aufpreis möglich, Konferenzen mit mehreren virtuellen Teilnehmern zu machen.

cc by sa 2.0 by Savanna Smiles

Google Hangout macht sich dafür schnell in dem Segment breit. Neben den an anderer Stelle beschriebenen Vorteilen gibt es allerdings zwei (zweieinhalb) für uns sehr ungünstige Nebeneffekte:

1. Eingehende Hangout-Anfragen werden nur mit zusätzlich installierten Software-Plugins auf dem Desktop angezeigt oder auf der installierten Handy-App.

2. Der Ton fokussiert durch die Softwarekompression bei Hangout offenbar auf eine direkt vor dem PC sitzende Person. Für die Wahrnehmung der Akustik in einem Raum mit 7 Personen ist die Software meist ungeeignet. Ein Gespräch mit der Konzentration auf das Gespräch (und nicht auf die Software/Technik) ist fast unmöglich wenn bei jedem zweiten Satz daran erinnert werden muss, dass man doch bitte laut und deutlicher sprechen solle.

3. Blickkontakt ist im persönlichen Gespräch wichtiger als meist angenommen. Der Nachteil bei Videokonferenzen ist, dass das übertragene Video nicht zwangsläufig auf der gleichen Position angezeigt wird, wie die Kamera die das Gegenüber aufzeichnet. Daher empfiehlt sich das Bildfenster immer in die Nähe der Kamera zu schieben. Übrigens auch das “Vorschaubild” der eigenen Übertragung! Bei Google Hangout ist dieses Vorschaubild leider nicht nach oben verschiebbar, also dorthin, wo die meisten Bildschirme und Laptops ihre eingebaute Webcam haben.

Apple FaceTime war für uns trotz des proprietären geschlossenen Systems am besten geeignet. Die Videofenster lassen sich frei verschieben und so positionieren, dass der Blickkontakt möglichst natürlich erscheint. Die Video- und Audioqualität ist selbst bei schlechten Verbindungsverhältnissen recht gut und verzögerungsfrei und v.a. scheint die Software einen breiteren Bildausschnitt zu übertragen. Nachteil hier: Es ist nicht möglich, Desktopinhalte zu übertragen (Screensharing) und die Software funktioniert nur auf Macs.

 

Gemeinsames Arbeitsmaterial

Völlig unterschätzt wird meiner Meinung nach meist die Bedeutung von gemeinsamen Objekten, auf die gezeigt und an denen gemeinsam gearbeitet werden kann.

http://googledrive.blogspot.de/2013/11/real-time-text-cursors-and-other.html

Die Tagesordnung am Flipchart, die Post-Its mit Themenclustern etc. Google docs bietet seit einiger Zeit eine ideale Kompensationsmöglichkeit: Bei der gemeinsamen Arbeit in einem Dokument wird nicht nur live gezeigt wer was schreibt, sondern gleichzeitig auch die Cursorposition angezeigt: Enorm hilfreich um auf Textstellen zu deuten. Wir verwenden in unseren Sitzungen immer ein “TuP”- Tagesordnung und Protokoll. Durch die gemeinsame Arbeit an dem Dokument während der Sitzung wird aus der vorher strukturierten Tagesordnung bis zum Ende der Sitzung automatisch ein Protokoll.

Klappt’s?

Mein Fazit: Fernpräsenz kann funktionieren. Es kommt immer darauf an, wie stark die sozialen Kontextvariablen berücksichtigt werden und in die Gesprächssituation einfließen. Je besser die Technik und Software die fehlenden Kommunikationsvariablen kompensieren kann, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich die virtuelle Wand auflöst, mit der man konfrontiert ist am Bildschirm. Sobald jedoch die Aufmerksamkeit auf eine technische und/oder soziale Störung gerichtet ist, treten die unüberwindbaren Faktoren der räumlichen Trennung in den Vordergrund. Ja, es ist viel Disziplin und Konzentration nötig – aber wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, funktioniert die Fernpräsenz erstaunlich gut.

Und ich danke dem gesamten Team für genau diese Disziplin und Selbstverständlichkeit, mich trotz räumlicher Abwesenheit einzubinden und bei jeder Teamsitzung Rücksicht auf technische Unzulänglichkeiten zu nehmen.

Aber es wird schön sein, auch wieder live dabei sein zu können :-)

 

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One thought on “Dabei sein ohne da zu sein – Ein Erfahrungsbericht zur Ferncollaboration

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