Auf dem Zenit globaler Protestbewegungen im Zuge der Finanzkrise tauchten im Jahre 2011 immer wieder die Namen urbaner Plätze in den öffentlichen Diskussionen auf: die Puerta del Sol in Madrid, der Tahrir Platz in Ägypten, der Rothschild Boulevard in Tel Aviv, der Syntagma Platz in Athen und der Zuccotti Park in New York. Menschen aus verschiedenen politischen und sozialen Kontexten demonstrierten nicht nur gegen die Finanzkrise oder gegen autoritäre politische Systeme. Sie besetzten zentrale Räume der Stadt, schlugen Zelte auf, bildeten Lager und verbrachten auf engem Raum plötzlich längere Zeit mit Menschen, die sie vorher nicht kannten. Jene Orte wurden im Zuge dieser Besetzungen vor allem symbolisch angeeignet: die Forderungen und Ziele jener Bewegungen richteten sich durch die temporäre territoriale Einnahme von Straßen und Plätzen vor allem an die öffentlichen Denk- und Wahrnehmungsweisen. Weder wurden Besitzverhältnisse neu geordnet, noch fanden im Zuge der Besetzungen materielle Enteignungen statt. Bei der Interpretation jener Bewegungen sollte man jedoch den Fehler vermeiden, diese auf Grund des geringen Einflusses auf politische Prozesse bzw. auf materielle Bedingungen, als gescheitert oder als unwichtig anzusehen. Dies gilt vor allem deshalb, weil ein nicht zu vernachlässigender Teil jener Protestbewegungen es häufig gar nicht auf jene gesellschaftlichen Settings (etwa auf eine Gesetzesänderung) abgesehen haben. Demonstrationen und Besetzungen wirken nicht unmittelbar auf die gesellschaftlichen Institutionen, sie sind zunächst einmal nur ein performativer Ausdruck eines Veränderungswunsches.

Innerhalb der Geschichte der Bewegungsforschung etablierten sich unter anderem auch institutionalistische bzw. materielle Sichtweisen auf soziale Bewegungen, die eben genau jene symbolische Dimension vernachlässigen, wenn es um die Bewertung von „Erfolgen“ jener Protestbewegungen geht. So versucht etwa der Gelegenheitsstrukturansatz die Institutionen zu erfassen, an die jene Bewegungen sich in Form von ‚Gelegenheiten‘ richten können, um sich als Bewegung zu etablieren. Dass jene Institutionen erst als Ergebnis von Kämpfen entstehen könnten, wird hierbei zum Beispiel nicht berücksichtigt. In einem anderen Kontext versucht der Ressourcenmoblisierungsansatz, die Motive und Motivationen der TeilnehmerInnen funktionalistisch abzufragen, anstatt in Betracht zu ziehen, dass die Kämpfe um Interpretation und Sinngebung der Organisationsstruktur und ihren materiellen wie immateriellen Ressourcen vorausgeht (vgl. Kastner 2012, 58). Pierre Bourdieu schrieb hierzu: „Die auf der symbolischen Ebene agierenden Protestbewegungen sind wichtig, insofern sie das scheinbar Selbstverständliche, das Unhinterfragte, Undiskutierte in Frage stellen. Sie bringen die Evidenzen durcheinander“ (Bourdieu 1993, 12). In Anlehnung an Michel Foucault plädiert Raul Zibechi dafür, Bewegungen nicht als Organisationsform, sondern als Einnahme von Raum zu begreifen, da man dadurch „den Charakter von Bewegungen als Sich-Bewegen, als Möglichkeit zu fließen, Verschiebung, Zirkulation“ erfassen könne (Zibechi 2011, 32; vgl. auch Kastner 2012, 64).

Anhand der global agierenden Occupy-Bewegung lässt sich zeigen, wie die symbolische Besetzung von öffentlichen Räumen gar zu einem Hauptmotiv der Bewegung selbst erwächst. Die räumlichen Aufführungen der Besetzungen erzeugten ein Gefüge, das mit Hilfe von digitalen Medien über die jeweiligen Begrenzungen des jeweiligen Schauplatzes hinaustrat und auch an anderen Orten wirksam wurde. Die Camps bzw. Lager der Occupy-Bewegung markierten in räumlicher Hinsicht das Andere bzw. genauer: das Anderswo. Die innerhalb des Lagers campierenden Menschen befanden sich außerhalb der legitimen territorialen Ordnung und banden sich dadurch (zumindest für einige Zeit) nur umso enger aneinander. Jene Camps, die zum Zweck von Widerstand, gewaltfreien Aktionen oder autonomer Organisation errichtet wurden, waren nicht nur Orte, in denen diskutiert wurde, sondern auch rund um die Uhr stattfindende Sozialexperimente, eine neue Form des Zusammenlebens, das auf Gemeinschaft und Vertrauen basierte.

Henri Lefebre beschrieb solche Räume als gelebte Räume oder als Repräsentationsräume (Lefebre [1974] 2006). Diese müssen immer neu geschaffen werden, wenn an bestehenden symbolischen Strukturen etwas verändert werden soll. Diese Repräsentationsräume stehen den etablierten Raumrepräsentationen gegenüber, also der allgemein akzeptierten Architektur städtischer und staatlicher Politik. Ebenso bildet die räumliche Praxis (Handlungsroutinen, Pauschalverkehr) ein Gegenpol zu den Repräsentationsräumen der BesetzerInnen. Die Raumrepräsentationen und die räumliche Praxis müssen also von den Repräsentationsräumen durchdrungen werden, was zu Widersprüchen führt, die wiederum mit Hilfe politischer Allianzen vertieft und dauerhaft eingerichtet werden müssten.

Anders jedoch als bei der Besetzung strategischer Infrastruktur, wie etwa von Fernsehstationen, Strom- oder Wasserverteilern, wird aus der Besetzung städtischer Grünflächen und Parks zumindest kein direkter strategischer Erfolg erzielt. Es werden keine technischen oder materiellen Ressourcen angeeignet, die als Kampfmittel zum Einsatz gebracht werden könnten. Im Gegensatz zur Sabotage an Infrastruktur, zu Terroranschlägen oder Guerillaaktionen richtet eine symbolische Besetzung keinerlei materiellen Schaden an. Im Gegensatz zu Demonstrationen bewirken jene Besetzungen auch keine unmittelbaren Behinderungen von räumlicher Praxis oder Produktion. Straßenverkehr und Arbeitsleben bleiben größtenteils unberührt. Die Intervention dieser Besetzungen liegt laut Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer (2012) vielmehr auf der Ebene von Affekten. Indem sie nicht nur Räume, sondern oft auch ein hohes Maß an Zeit beanspruchen, gehen sie kaum mehr ‚aus dem Sinn‘. Sie halten hauptsächlich auf und entziehen der neoliberalen Ökonomie die von ihr besetzte Zeit (vgl. ebd. 2012, 77).

Manuell Castells geht in seiner aktuellen Monographie (2012) ebenso auf die räumliche Dimension von Protestbewegungen ein und verbindet diese mit seiner Theorie der Netzwerkgesellschaft. Der „Raum“ der Bewegung wird hierbei durch den netzwerkförmigen „Space of Flows“ und dem territorialen „Space of Places“ interaktiv hergestellt und generiert dadurch einen neuen hybriden Raum: den „Space of Autonomy“. Gemeint ist damit, dass die Organisationsformen von Protestbewegungen sich zunehmend in die Netzwerke des „Cyberspace“ verschieben und ihre transformative Kraft sich schließlich punktuell in den öffentlichen Räumen der Stadt entladen. Die Strukturen des Internets dienen dabei als Rückzugsort und permanente Basis für die in Erscheinung tretenden Protestbewegungen. Die gesellschaftlichen Veränderungen, die jene Bewegungen herbeiführen, zeigen sich, so Castells, vor allem auf der diskursiven und moralischen Ebene. Dennoch sind die Bewegungen fundamental politisch, indem sie den gesellschaftlichen Institutionen die Utopie einer Autonomie des Subjekts entgegensetzen. Tatsächlich fand für Castells während der Besetzungen auch eine Veränderung der Machtverhältnisse statt. Diese vollzog sich hauptsächlich über die Einflussnahme auf die öffentliche Meinung in den USA. Anhand empirischer Daten des Pew Institute Survey versucht er, dies anschaulich zu belegen (Pew Research Center for the People and the Press 2011, abrufbar unter: http://www.people-press.org/2011/12/15/frustration-with-congress-could-hurt-republican-incumbents/).

Der Raum als wissenschaftliche Beschreibungskategorie erscheint im Hinblick auf die aktuellen Protestbewegungen als vielversprechende Ergänzung zu Ansätzen, die den Erfolg jener Bewegungen lediglich im Hinblick auf unmittelbare institutionelle und materielle Veränderungen zu beschreiben versuchen. Gerade im Hinblick auf die territorialen und symbolischen Kämpfe der Protestbewegungen und ihrer partiellen Verortung im „Cyberspace“, zieht sich Räumlichkeit nicht nur als semantische Kategorie durch die aktuelle Literatur der Bewegungsforschung, sondern erscheint im Zuge raum- und medienbezogener Praktiken einer global agierenden Protestkultur als Möglichkeit, diese besser zu verstehen.

geschrieben von Sezgin Sönmez

 

Literatur:

Bourdieu, Pierre (1993): Soziologische Fragen. Suhrkamp.

Castells, Manuel (2012): Networks of Outrage and Hope. Social Movements in the Internet Age. Polity.

Kastner, Jens (et al.) (2012): Occupy! Die aktuellen Kämpfe um die Besetzung des Politischen. Turia+Kant.

Lefebre, Henri [1974] (2006): Die Produktion des Raums, in: Jörg Dünne, Stephan Günzel (Hrsg.): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Suhrkamp

Mörtenböck, Peter; Mooshammer, Helge (2012): Räume des Protests. Transcript

 

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