Wenn wir Menschen und ihre Social Media-Nutzung betrachten wollen, eignet sich vor allem eine praxistheoretische Perspektive um die konkreten Tätigkeiten im Umgang mit dem Internet beschreiben zu können.

Warum? Weil Praktiken die “Tätigkeiten im Vollzug” beschreiben (Bongaerts 2007:249).

Konkreter wird dies an einem Beispiel: Einen Blogeintrag schreiben kann auf verschiedenen Ebenen betrachtet werden:

  1. Man kann erzählen, was man schreibt (im Kopf ausformulieren, es mündlich aussprechen usw.).
  2. Man kann aber auch erzählen, wie man schreibt (suchen nach dem Subjekt, Nomen, grammatikalische Konstruktion des Satzes, dann Tippen des ersten Buchstabens auf der Tastatur  – mit welchem Finger nochmal?).
  3. Man kann die Tätigkeit aber auch betrachten, in dem man die Tätigkeit einfach vollzieht. Also es einfach TUN.

In diesem Vollzug wird nämlich sichtbar: Zum Schreiben (Handlung) wird eine Tastatur verwendet (Struktur). Das diffizile und komplexe System des Tippens wird erst im Vollzug sichtbar (welcher Finger trifft wann welche Taste? Schon mal versucht das “blind” zu beschreiben? Ist garantiert schwieriger zu beschreiben als es einfach zu tun). Erst recht, wenn man zum Beispiel davon spricht, etwas auf facebook zu posten, einen interessanten Artikel zu tweeten. Mit Schatzki 2002 (S. 77ff) gesprochen: 

  • Das Erzählen darüber sind die Sayings, also diskursive Handlungen.
  • Das Tun wiederum, die Doings, sind die nicht-diskursiven Handlungen.

Weder die Beobachtung der strukturellen Tätigkeit (z.B. mit dem Artefakt Tastatur/Maus/Trackpad) reicht alleine aus (die technischen Klicks mit Maus und Trackpad als tweeten zu bezeichnen grenzt ja schon fast an Blasphemie), noch das Berichten darüber (“naja, ich mache das halt mit Twitter”).

Kurz: Praktiken überwinden die Einseitigkeit von Struktur und Handlung. Mit einem praxistheoretischen Vorgehen ist es möglich das zu erfassen, was alltäglich von Menschen getan wird und sich auf Dauer gestellt wiederholt. Also auch Abläufe, die fast wie von selbst im Unterbewusstsein ablaufen (siehe hierzu auch Bourdieu 1976, 1998, Wacquant 2006). Dazu gehört auch das “Warum” einer Handlungskette, also auch die Voraussetzung, die oft auch schon in Kindesalter sozialisiert wurde, so dass man über die Tätigkeit gar nicht mehr nachdenkt, sondern diese quasi inkorporiert ist, also in den Körper eingeschrieben (diese wunderbare Bezeichnung stammt von Bourdieu 1982).

cc Flickr by Eva the Weaver
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Solche routinisierten Aktivitätenbündel (Reckwitz 2003) sind natürlich sehr stark von einer gesellschaftlichen Ordnung abhängig. Gerade auf den verschiedenen Social Media Plattformen gibt es etliche mehr oder weniger unausgesprochene Regeln. Do’s and Dont’s. Praktiken haben für die Gesellschaft (oder auch für Teile der Gesellschaft, wenn man z.B. die Blogosphäre isoliert betrachten würde – was nicht geht, ich weiß) somit eine Ordnungsfunktion (vgl. Schatzki 2002:77). Damit das “Ganze” irgendwie funktioniert und auch erhalten bleibt.

Zwei Unterscheidungen von Praktiken können noch sehr hilfreich sein, wenn wir zukünftig öfter den Begriff verwenden:

  • Integrative Praktiken sind Praktiken, die als komplexe Gebilde von vielen einzelnen Tätigkeiten, Projekten, Aufgaben und Emotionen zu verstehen sind (Stock 2011: 16). (Beispiele für solche Praktiken: Schwimmen, Kochen, Autofahren etc.)
  • Disperse Praktiken werden in unterschiedlichen Kontexten angewendet und sind eher von allgemeiner Beschaffenheit, die nicht an komplexe Regelwerke oder Zielgerichtetheit gebunden sind. Von Bedeutung ist für disperse Praktiken vor allem das praktische Verständnis. (Beispiele sind etwa: jemanden fragen, etwas ordnen, etwas erklären, siehe auch Stock 2011)

Nach der sehr profanen Erklärung am Anfang, warum die Praxistheorie so gut für Social Media geeignet ist, kommt hier noch eine etwas differenziertere Begründung:

cc by-nc-sa Flickr by recampaign
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Die Betrachtung der Praxis inkludiert den Menschen mit seinen Tätigkeiten, die er alltäglich zur Erfüllung seiner Bedürfnisse ausführt. Weder Struktur, noch die einzelne Tätigkeit an sich wird isoliert betrachtet, sondern die Praxis als beide Seiten umfassendes Element. Kommunikation in Social Media wird von den Nutzenden nicht in außeralltäglichen artifiziellen Situationen betrieben, sondern ist ganz natürlich und unbewusst im Alltag eingebunden und wird über den stationären Computer, den Laptop und fast immer auch über das Smartphone unterwegs in mobilen Situationen bewerkstelligt.

Da die Produkte der Social Media Praktiken im Internet meist öffentlich einsehbar sind, in den jeweiligen Plattformen archiviert werden und zumeist auch verschlagwortet und somit auffindbar sind, besteht für die Wissenschaft quasi ein fortwährender Zugriff auf einen wichtigen Teil der Praktiken, nämlich den hergestellten Objekten (als Text, Video, Audio, Bild etc.). Aber auch hier sollte nicht vernachlässigt werden, dass trotz des offenen Zugangs keine Möglichkeit besteht, die Akteure in ihrem konkreten Vollzug der Praktik zu beobachten (das wäre zwar methodisch irgendwie möglich, aber sehr aufwendig). Diese Dimension muss daher immer erst rekonstruiert werden und ist somit anfällig für Fehlinterpretationen. Trotz dieser Einschränkung ermöglicht die Praxistheorie als eine der wenigen Theorien die Möglichkeit, die Verflechtung zwischen Akteuren, Handlungen, Motiven, Software und Technik zu erfassen.

Bisher haben sich aber erst sehr wenige WissenschaftlerInnen mit den Praktiken der Social Media-Nutzung beschäftigt. Einige der wenigen, dafür aber umso herausragendere Forscher sind Nick Couldry und Jan Schmidt, die jeweils Kategorien für die Betrachtung der Praktiken anbieten.

Aber mehr dazu in einem anderen Artikel :-)


Hinweis: Dieser Text ist eine überarbeitete Kurzfassung einer von mir verfassten Arbeit zu praxistheoretischen Perspektiven auf Social Media (Bretzger 2013, unveröffentlicht).


Quellenangaben:
Bongaerts, Gregor (2007): “Soziale Praxis und Verhalten – Überlegungen zum Practice Turn in Social Theory”. In: Zeitschrift für Soziologie 36.4, S. 246–260.

Bourdieu, Pierre (1976): Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Bourdieu, Pierre (1998): Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Reckwitz, Andreas (2002): “Toward a Theory of Social Practices A development in culturalist theorizing”. In: European Journal of Social Theory 5.2, S. 245–265.

Reckwitz, Andreas (2003): “Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive.” In: Zeitschrift für Soziologie 32.4, S. 282–301.

Schatzki, Theodore R (2002): The Site of the Social. A Philosophical Account of the Constitution of Social Life and Change. Pennsylvania: Pennsylvania State University Press.

Wacquant, Loic J D (2006): “Die Unschärfenlogik des praktischen Sinns”. In: Reflexive Anthropologie. Hrsg. von Pierre Bourdieu und L J D Wacquant. Suhrkamp Verlag, S. 40–48.

3 thoughts on “Warum Praxistheorie für Social Media?

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