Graphik aus dem Cisco Connected World Technology Report 2012
Graphik aus dem Cisco Connected World Technology Report 2012

Mal ganz ehrlich: Wer von euch kann von sich behaupten, sein Smartphone noch nie mit auf die Toilette genommen zu haben? Gibt’s irgendjemand da draußen, die oder der sein Handy NICHT mit ans oder ins Bett nimmt?

Für viele ist das Smartphone eines der letzten Bilder, was sie sehen wenn sie einschlafen und das Erste nach dem Aufwachen. Das erste Statusupdate wird noch vollzogen, bevor der erste Fuß vor das Bett gestellt wird.

Unser Alltag verändert sich tief und durchgreifend durch den mobilen, ortsunabhängigen und dauerhaften Zugriff aus Internet (Dieses Werbevideo zum Cisco Connected World Technology Report zeigt einige dieser Beispiele anschaulich). Wesentlich ist dabei aber nicht die technische Möglichkeit des Zugriffs aufs Internet (das war schon lange vorher möglich mit UMTS- und sogar GSM-Sticks und Laptops), sondern dass wir das mobile Internet in unseren Alltag eingebettet haben. Natürlich war daran maßgeblich Apple mit dem ersten iPhone beteiligt, welches es erstmals auch praktikabel gemacht hat, auf große Bildschirme ausgerichtete Websites auf einem Gerät vernünftig anzusehen und zu bedienen, welches in der Hosentasche getragen werden kann. Drei unterschiedliche im Alltag bereits bekannte “Themenkomplexe” – das Telefonieren, mobil Musik hören und auf das Internet zugreifen – wurden zu einem einzigen Alltagsgegenstand verschmolzen. Bereits bekannte Tätigkeiten wurden neuen gekoppelt.

Aber auch die rasche Entwicklung von standortbezogenen Diensten wie U-Bahn-Pläne oder Googles Kartendienst MAPs führten überhaupt erst dazu, dass NutzerInnen anfangen konnten, auch wirklich über den reinen Nerd-Status hinausgehend Sinn im mobilen Internet zu erkennen und sich die Geräte massenhaft zulegten. Weil sich fast zeitgleich damit die Social Media-Dienste explosionsartig ausbreiteten, standen auch Kommunikationskanäle bereit, die Platz boten um “unterwegs” bedient zu werden. Eine 140 Zeichen Twitternachricht kann auf dem Weg zum Bäcker geschrieben werden, das Warten an der Bushalte stelle ist lange genug, um schnell mal einen vom digitalen Freundeskreis empfohlenen Artikel zu lesen.

Durch diesen quasi dauerhaften, regelmäßigen Gebrauch des mobilen Internet, schleifen sich langsam neue Routinen in unserem Leben ein. Anfangs werden neue technische und soziale Möglichkeiten meist bewusst ausgeführt, wirken dabei noch recht artifiziell (der erste Twittergebrauch beispielsweise fühlte sich damals bei mir an wie ein Ausgesetztsein in der Wüste, mitten im Sandsturm und ohne Schutzmaske), später werden sie immer öfter auch ganz unbewusst und wie selbstverständlich ausgeführt. Sie werden zu einer skilfull Performance, quasi eingeschrieben in den Körper und nicht mehr wegzudenken.

Diese selbstverständlich gewordenen Tätigkeiten sind das, was wir im Forschungsprojekt “Soziale Initiativen 2.0” als Praktiken bezeichnen. Wir gehen davon aus, dass sich der gesellschaftliche digitale Wandel weder allein durch technische Vorgaben, noch allein durch den sozialen Gebrauch erklären lässt, sondern beides aufeinander einwirkt und sich gegenseitig verändert, durch die Entstehung und Aneignung von Praktiken.

Daher sind die Praktiken im Umgang mit Social Media und digitalen Werkzeugen unser Fokus, wenn wir uns den Wandel von zivilgesellschaftlichem Engagement ansehen und ihn erklären und unterstützen wollen.

5 thoughts on “Wie sich unsere Alltagspraktiken durch Smartphones ändern

  1. Das alles hängt auch mit dem Bestreben immer mehr Tätigkeiten miteinander zu verbinden, und somit “effektiver” zu sein, zusammen.
    Stellt sich natürlich die Frage, ob “effektiver sein” auch heisst bei einem Toilettengang die Aktivitäten der Freunde zu “checken”…
    Mag auf erste Sicht keine Form von Effektivität sein, aber es verändern sich eben auch soziale, zwischenmenschliche Verhaltensweisen.
    Während man noch vor 15 Jahren die Aktivitäten der Freunde/Feinde über Gespräche herausfand, genügt es heute eine blaue Webseite zu öffnen und sich von den Aktivitäten, Informationen und Interessen der “Freunde” berieseln zu lassen.
    Es besteht der Verdacht, dass durch eben diese sozialen Netzwerke die soziale Interaktion abseits des Webs nicht etwa fördert, sondern vielleicht sogar einen gegenteiligen Effekt hat, da man sich mit dem digitalen Kontakt zufriedengibt.

    Ein anderes Beispiel. Die von Dir angesprochenen U-Bahn-Apps sind wahnsinnig nützlich. Sie ermöglichen uns noch ökonomischer mit unserer Zeit umzugehen und die Wartezeit an Bus und U-Bahn-Stationen zu minimieren. Super Sache sollte man meinen. Ist es im Prinzip auch. Nur, so denke ich, kann dieser ökonomische Umgang mit der Zeit auf Dauer und bei weiterer Entwicklung zu einem Fehlen von Entspannungs- und Rekapitulierphasen kommen. Eine mögliche Folge könnte die neue Mode- und Volksdiagnose Burn-Out sein.

    Ich will damit nur zum Ausdruck bringen und behaupten, dass Veränderungen der Nutzungspraktiken immer auch eine Verschiebung zur Folge hat. Das eine wird mehr genutzt – das andere dadurch oft automatisch weniger (sei es auch Entspannungs- und Rekapitulierphasen).

    Wir sind gerade mitten drin in der Umbruchphase. Es wird spannend sein zu sehen, wie man zukünftig mit den Problemen und Herausforderungen umgeht, die der gesellschaftliche digitale Wandel mit sich bringt.

    1. Das finde ich spannend, weil Aspekte der Effizienz oder ökonomischer Umgang mit Zeit überhaupt nicht in der Praxisperspektive aufgenommen werden können (Praktiken zu beobachten muss methodologisch an sich immer erst mal ohne Wertung sein). Aber es könnte durchaus ein wichtiger Punkt bei der Aneignung solcher Praktiken sein: Man müsste also die Frage stellen, WARUM man das so und so macht. Also führt man bestimmte Praktiken tatsächlich mit der Zielsetzung aus, damit effizienter zu sein, oder will man Zeit sparen, oder Langeweile überbrücken usw.
      Ich vermute aber auch da jetzt schon ein geteiltes Bild: Natürlich gibt es Gedanken des Zeitsparens (Zeitungsartikel in der U-Bahn lesen, Kinokarten unterwegs kaufen etc), aber vieles wird wahrscheinlich auch einfach nur gemacht, weil es gemacht wird (tautologisch, ich weiß, aber so sind Praktiken nun mal: Eine bestimmte Tätigkeit wird gemacht, obwohl sie Kontingent ist, es also immer auch anders gemacht werden könnte, sich aber eben so routinisiert hat).
      Ob dieser veränderte Umgang mit dem mobilen Web jetzt zur Folge den Mode-Burn-Out hat, oder ob nicht der veränderte Umgang mit dem Smartphone & Co. auch schon selbst, genauso wie der Burn-Out selbst, Folge von einem anderen Prozess sind, bleibt zu untersuchen (z.B. Beschleunigung etc.).

    1. Lustig, ein ähnlicher Artikel in der Zeit neulich auch hierzu: http://www.zeit.de/2013/10/Sport-Soziale-Netzwerke
      Da wird beschrieben, wie Twitter auch dazu führen kann, dass sich die SportlerInnen zu wenig anstrengen, weil sie sich schon siegessicher durch die eigenen Twitter-Follower fühlen. Oder eben auch wie ihre Leistung durch Mobbing per Twitter einbrechen kann!
      Spannendes Thema ist dazu natürlich auch, inwiefern Twitter zu einer eigenen Realitätskonstruktion beiträgt (“ich werde schon gewinnen, weil das auf Twitter so geschrieben wird”).

  2. “Ich werde schon gewinnen, weil das auf Twitter so geschrieben wird.” Denn gleichen Gedanken hatte ich auch. Der soziale Druck nimmt dadurch unendlich zu. Man bekommt direkt nach dem man die Leistung “nicht” erbracht hat negative oder vielleicht auch aufbauende Tweets. Super Thema.
    Im Esport eigentlich schon Alltag.

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